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Sebastião Salgados Leica R6:
Die Kamera, die das Inferno von Kuwait dokumentierte
Michal Kosakowski, Leo Häusler-Dworschak (YIELD)
Sebastião Salgado (1944–2025) zählt zu den prägendsten Dokumentarfotografen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts.
Mit wegweisenden Projekten wie Workers, Migrations, Genesis und Amazônia entwickelte er eine Bildsprache, die menschliche Ausdauer, soziale Realität und ökologische Veränderungen mit außergewöhnlicher formaler Kraft verband. Seine Fotografien wurden weltweit ausgestellt und publiziert und sind heute fester Bestandteil des Kanons der modernen Dokumentarfotografie.
Nur wenige Objekte bringen Sammler der Entstehungsgeschichte solcher Bilder so nahe wie eine Kamera, die bei der Arbeit an einer der bedeutendsten Serien Salgados tatsächlich verwendet wurde. Bei der Leitz Photographica Auction 49 am 28. November 2026 kommt ein solches Objekt zur Versteigerung: jene Leica R6, die Salgado 1991 bei der Dokumentation der brennenden Ölfelder von Kuwait persönlich verwendete.
Eine Studie über Arbeit, Widerstandskraft und Zerstörung
Die Kuwait-Serie entstand in der Schlussphase des Golfkriegs. Als sich die irakischen Truppen Anfang 1991 aus Kuwait zurückzogen, wurden rund 700 Ölquellen in Brand gesetzt oder schwer beschädigt. Ganze Regionen der Wüste verwandelten sich in eine beinahe apokalyptische Landschaft aus Feuer, Rohöl und schwarzem Rauch. Internationale Feuerwehrteams begannen im März mit der gewaltigen Aufgabe, die Brände unter Kontrolle zu bringen. Erst im November 1991, nach rund acht Monaten ununterbrochener Löscharbeiten, konnte der letzte brennende Ölbrunnen gelöscht werden.
Sebastião Salgado / Fallen Worker - Kuwait 1991
Salgado reiste nach Kuwait, um die Katastrophe aus unmittelbarer Nähe zu dokumentieren, und begleitete die Feuerwehrleute bei ihrer Arbeit zwischen den brennenden Ölquellen. Die Bedingungen waren extrem. Flammen ragten hoch über die Wüste, dichte Rußwolken verdunkelten immer wieder den Himmel, und große Flächen waren von Rohöl bedeckt. Die Landschaft war nicht nur wegen der Feuer und giftigen Dämpfe gefährlich, sondern auch durch zurückgelassene Blindgänger und Munition. Die Hitze war so enorm, dass nach Salgados späteren Erinnerungen selbst seine Fotoausrüstung unter den extremen Bedingungen litt.
Sebastião Salgado / Worker - Kuwait 1991
Doch Salgados Fotografien zeigen weit mehr als das Ausmaß der Umweltkatastrophe. Im Zentrum stehen die Feuerwehrleute selbst: von Öl und Wasser überzogen, winzig gegenüber den gigantischen Flammen und industriellen Anlagen, im Kampf gegen Kräfte, die beinahe elementar erscheinen. Das Thema fügte sich unmittelbar in das größere Projekt ein, an dem Salgado bereits seit mehreren Jahren arbeitete – eine fotografische Auseinandersetzung mit körperlicher Arbeit und mit Formen manueller Arbeit, die im Zuge des industriellen Wandels zunehmend verschwanden.
Die entstandenen Fotografien wurden 1991 erstmals im The New York Times Magazine veröffentlicht und entwickelten sich rasch zu einer der eindrucksvollsten und mutigsten Serien Salgados. 1992 wurde er dafür mit dem Leica Oskar Barnack Award ausgezeichnet, der herausragende fotografische Arbeiten zum Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt würdigt. Es war bereits Salgados zweite Auszeichnung mit diesem Preis, nachdem er ihn erstmals 1985 erhalten hatte.
Die Kuwait-Fotografien wurden später Teil von Salgados monumentalem Werk Workers: An Archaeology of the Industrial Age, das 1993 erstmals erschien. Das Projekt beschäftigte sich unter anderem mit Landwirtschaft, Bergbau, Industrie, Bauwesen und Ölindustrie und wurde zu einer der bedeutendsten fotografischen Studien über körperliche Arbeit seiner Zeit. Mehr als zwei Jahrzehnte später, im Jahr 2016, wurden die Kuwait-Aufnahmen schließlich in der eigenständigen Monografie Kuwait: A Desert on Fire veröffentlicht.
Die Kamera hinter den Fotografien
Im Zentrum des bei der Leitz Photographica Auction 49 angebotenen Ensembles steht die Leica R6 Nr. 1747647, die Salgado in Kuwait gemeinsam mit dem Leica Macro-Elmarit-R 2,8/60 mm Nr. 3390243 für einen wesentlichen Teil der Serie verwendete.
Die mechanisch gesteuerte Leica R6 eignete sich besonders gut für Salgados direkte und körperlich anspruchsvolle Arbeitsweise. In Kuwait waren jedoch sowohl der Fotograf als auch seine Ausrüstung Bedingungen ausgesetzt, die weit über den normalen fotografischen Einsatz hinausgingen: extreme Hitze, Wüstensand, Öl, Ruß und Rauch. Die heute sichtbaren Gebrauchsspuren der Kamera sind daher Teil ihrer Geschichte als tatsächlich eingesetztes Arbeitsgerät und nicht lediglich Spuren an einer Kamera, die einst einem berühmten Fotografen gehörte.
Nach Salgados Rückkehr aus Kuwait wurde die Kamera von Leica überholt und repariert und später in der Leica Galerie sowie im Leica Museum in Solms ausgestellt. Ihre Provenienz und Seriennummer waren bereits dokumentiert, als sie 2005 bei einer Auktion angeboten wurde.
Ein außergewöhnliches Sammlerstück
Das Los vereint mehrere Objekte, die unmittelbar mit dieser historischen Fotoserie verbunden sind. Neben der Leica R6 umfasst es zwei originale Gelatinesilberabzüge im Format 40 × 50 cm, jeweils persönlich von Salgado signiert und mit seinem Blindstempel versehen. Ergänzt wird das Ensemble durch ein Exemplar der limitierten Ausgabe von Workers, Artist’s Proof Nr. 7 von nur 30 Exemplaren, das zahlreiche 1991 in Kuwait entstandene Fotografien enthält.
Kamera, Fotografien und Buch dokumentieren gemeinsam unterschiedliche Stationen der Entstehung und Rezeption der Serie: vom fotografischen Werkzeug, das Salgado in Kuwait verwendete, über seine originalen Abzüge bis hin zur Publikation, durch die die Bilder ihren Platz in der Geschichte der Fotografie fanden.
Für Sammler ist dieses Ensemble daher weit mehr als eine Kamera mit bedeutender Provenienz. Es ist ein materielles Zeugnis der Entstehung einer der wichtigsten Fotoserien Sebastião Salgados – ein Objekt, das ihn durch Rauch, Öl und Feuer von Kuwait begleitete und dabei half, Bilder zu schaffen, die mehr als drei Jahrzehnte später noch immer zu den eindrucksvollsten fotografischen Dokumenten der ökologischen und menschlichen Folgen des Krieges zählen.