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Elcan:
Leicas Innovationsschmiede für Objektive

Michal Kosakowski, Leo Häusler-Dworschak (YIELD)

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Elcan-Unterwassergehäuse mit integriertem 21-mm-Objektiv

1952 gründete Ernst Leitz eine kanadische Niederlassung in Midland, Ontario, nördlich von Toronto. Unter der Leitung von Günther Leitz wurden bei Ernst Leitz Canada zunächst Kameras für den nordamerikanischen Markt aus Bauteilen gefertigt, die aus Wetzlar stammten.

Schon bald entwickelte sich der Standort jedoch zu einem bedeutenden Zentrum für optische Forschung und Fertigung. Der Name Elcan, abgeleitet von Ernst Leitz Canada, stand sowohl für bekannte Leica Objektive als auch für hoch spezialisierte Geräte für militärische, wissenschaftliche und industrielle Anwendungen.

1990 übernahm Hughes Aircraft das Unternehmen. Mit dem Erwerb der Rüstungssparte von Hughes durch Raytheon im Jahr 1997 wechselte auch der Standort Midland erneut den Eigentümer. Heute gehört Elcan zu Raytheon, einem Unternehmen des RTX-Konzerns, und ist von der Leica Camera AG unabhängig. Der Eigentümerwechsel bedeutete allerdings nicht das unmittelbare Ende der Leica Objektivfertigung in Kanada: Das Noctilux-M 1:1/50 mm wurde während seiner gesamten Produktionszeit in Midland hergestellt.

Walter Mandler und die Kunst der Objektivkonstruktion

Die Geschichte von Elcan ist untrennbar mit Dr. Walter Mandler (1922–2005) verbunden, dem späteren Leiter der Forschung und Entwicklung und Vizepräsidenten des Unternehmens. Seine Arbeit vereinte hohe optische Leistung mit einem ausgeprägten Verständnis für Werkstoffe und wirtschaftliche Fertigung. In einem Nachruf schrieb ihm der Leica Historiker Rolf Fricke mehr als 45 Leica Objektivkonstruktionen zu. Zugleich erinnerte er daran, wie wichtig es Mandler war, die Leistungen seiner Mitarbeiter ausdrücklich anzuerkennen.

Ein früher Meilenstein war das Summilux 1:1,4/35 mm, das 1961 vorgestellt wurde. Laut Leica war es damals das lichtstärkste Weitwinkelobjektiv der Welt. Es verband eine außergewöhnlich große Anfangsöffnung mit den kompakten Abmessungen, die für das M-System entscheidend waren. Damit eröffnete es neue Möglichkeiten für die Weitwinkelfotografie bei schwachem Licht mit einer kleinen Messsucherkamera.

Eine frühe und eine späte Version von Mandlers Noctilux 50 mm f/1

Das 1975 vorgestellte Noctilux-M 1:1/50 mm verdeutlichte einen weiteren Aspekt von Mandlers Arbeitsweise. Sein Vorgänger, das Noctilux 1:1,2/50 mm von 1966, benötigte zwei asphärische Flächen, deren Herstellung besonders aufwendig und kostspielig war. Mandler erreichte eine nochmals höhere Lichtstärke mit ausschließlich sphärischen Linsenflächen und Glas mit einem sehr hohen Brechungsindex. So entstand ein Objektiv, das außergewöhnliche Lichtstärke mit einer besser für die Serienfertigung geeigneten Konstruktion verband.

Von der militärischen Forschung zu fotografischen Meilensteinen

Leicaflex SL mit ELCAN-R 2/75mm

Militärische Aufträge eröffneten Elcan die Möglichkeit, Anforderungen zu verfolgen, die weit über die gewöhnliche Fotografie hinausgingen. Ein besonders einflussreiches Beispiel ist das APO-Telyt-R 1:3,4/180 mm. Es wurde für ein hochauflösendes Kamerasystem der US Navy entwickelt und 1975 auch für zivile Fotografen verfügbar gemacht. Das auf die Wiedergabe feinster Details über große Entfernungen ausgelegte Objektiv verwendete spezielle Gläser mit geringer Dispersion aus dem Leitz Glaslabor in Wetzlar. Seine apochromatische Korrektur reduzierte Farbsäume und ermöglichte eine außergewöhnliche Schärfe und Kontrastwiedergabe. Es ist damit ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie militärische Forschungsarbeit auch der allgemeinen Leica Fotografie zugutekam.

Noch ungewöhnlicher war das um 1970 für die US Navy entwickelte Elcan 1:1/90 mm. Die Kombination einer Brennweite von 90 mm mit einer Lichtstärke von 1:1 erforderte eine außergewöhnlich große Optik. Anstelle einer herkömmlichen Entfernungseinstellung kamen austauschbare Einstellringe für festgelegte Aufnahmeentfernungen zum Einsatz. Vermutlich wurden nur etwa zehn Exemplare fertiggestellt. Die imposante Konstruktion zeigt, wie weit sich Elcan bei speziellen Aufträgen von den vertrauten Proportionen und der üblichen Handhabung eines Leica Objektivs entfernen konnte.

Elcans Tätigkeit reichte zudem weit über die klassische Fotografie hinaus. Mandler entwickelte Objektive für IMAX-Projektionssysteme, RCA-Fernsehkameras und Röntgengeräte von Picker. Von der Großbildprojektion bis zur medizinischen Bildgebung stellten diese Anwendungen sehr unterschiedliche Anforderungen und verdeutlichen die Bandbreite des in Midland aufgebauten optischen Wissens.

Auch für den Fortbestand der Leica M spielte Kanada eine entscheidende Rolle. Als die Zukunft des Messsuchersystems in den 1970er-Jahren ungewiss war, holte Walter Kluck, Präsident von Leitz Canada, die M-Kameramontage nach Midland. Die dort entstandenen Modelle M4-2 und M4-P trugen wesentlich dazu bei, das System und die zugehörige Objektivfertigung zu erhalten. Elcans Beitrag zur Leica Geschichte war somit gleichermaßen technischer und strategischer Natur.

Vom Elcan 1:2/66 mm zum Summicron-M 1:2/66

Zu den bemerkenswertesten militärischen Entwicklungen von Elcan zählt das 1:2/66 mm, das Mandler Ende der 1960er-Jahre für die US Navy konstruierte. Wie Rolf Fricke berichtete, war ein äußerlich unauffälliges Objektiv mit außergewöhnlich hohem Auflösungsvermögen gefragt. Die ungewöhnliche Brennweite ergab sich aus der sorgfältigen Abstimmung von Auflösung, Kontrast und kompakten Abmessungen. Mit nur rund 200 gefertigten Exemplaren gehört es zu den besonderen Raritäten in der Geschichte der Leica M-Objektive.

Bauplan des ursprünglichen Elcan 66 f/2 und Summicron-M 66 f/2 Nr. B1047-001

Das neue Summicron-M 1:2/66 überträgt dieses Konzept in die Leica Classic Line. Seine optische Konstruktion basiert auf dem historischen Vorbild und wurde an heutige Anforderungen angepasst. Auch charakteristische mechanische Details erinnern an das Elcan: Der Blendenring dreht sich entgegengesetzt zu dem herkömmlicher M-Objektive, während die Anordnung der Entfernungsskala ihre militärische Herkunft erkennen lässt. Feine Gravuren interpretieren das Erscheinungsbild des Originals neu. Auf dem Frontring ersetzt der Schriftzug „Leitz Wetzlar“ den einstigen Namen Elcan.


Die weltweit auf 660 Exemplare limitierte Neuauflage verbindet die heutige Leica Fotografie mit der experimentellen Tradition des Standorts Midland. Das erste nummerierte Exemplar mit der Seriennummer 001 wird am 28. November 2026 im Rahmen der 49. Leitz Photographica Auction in der Leica Welt in Wetzlar versteigert.