BLOG
60 Jahre Noctilux:
Sechs Jahrzehnte legendärer Geschwindigkeit
Michal Kosakowski, Leo Häusler-Dworschak (YIELD)
Als Leica 1966 auf der photokina das erste Noctilux 1:1,2/50 mm vorstellte, markierte es einen Meilenstein in der Objektivkonstruktion. Fotografen, die mit vorhandenem Licht arbeiteten, eröffnete seine außergewöhnlich große Anfangsöffnung neue Möglichkeiten.
Sie konnten die Atmosphäre schwach beleuchteter Innenräume bewahren, unauffällig fotografieren und selbst bei Kerzenlicht Details festhalten, ohne Blitzlicht einzusetzen.
Die Faszination des Noctilux ging jedoch über seine hohe Lichtstärke hinaus. Die geringe Schärfentiefe und der charakteristische Übergang von Schärfe zu Unschärfe verliehen den Aufnahmen eine besondere räumliche Tiefe und Atmosphäre. Diese Eigenschaften sollten die Identität der Noctilux-Familie nachhaltig prägen.
Eine wegweisende Konstruktion
Das von den Leitz Optikkonstrukteuren Helmut Marx und Paul Sindel entwickelte erste Noctilux verfügte über zwei asphärische Flächen – eine Premiere für ein Leica Serienobjektiv. Sie halfen, Abbildungsfehler bei der außergewöhnlich großen Blendenöffnung zu korrigieren. Für die aufwendigen Strahlengangberechnungen setzte Marx einen Elliott 402F ein. Damit kam bereits bei der Entwicklung dieser anspruchsvollen Konstruktion Computertechnik zum Einsatz.
Ein Computer des Typs Elliott 402F – das Modell, das Helmut Marx für die optischen Berechnungen des ersten Noctilux 50 mm f/1,2 verwendete. © Computer Conservation Society
Die Herstellung der asphärischen Linsen blieb dennoch eine erhebliche Herausforderung. Erfahrene Feinoptiker mussten sie von Hand nachbearbeiten, während neue Prüfverfahren zur Kontrolle ihrer Genauigkeit entwickelt werden mussten. Der hohe Fertigungsaufwand erklärt auch die Seltenheit des ursprünglichen Noctilux: Laut Leica entstanden lediglich 1.757 schwarz ausgeführte Serienexemplare. Heute sind diese Objektive sowohl als Sammlerstücke als auch wegen ihrer unverwechselbaren Bildwirkung begehrt.
Von f/1,2 zu f/0,95
1975 steigerte das von Dr. Walter Mandler bei Ernst Leitz Canada entwickelte Noctilux-M 1:1/50 mm die Lichtstärke nochmals. Mandler erreichte dies mit ausschließlich sphärischen Linsenflächen und vermied damit die besonders kostspielige Herstellung von Asphären. Eine entscheidende Rolle spielte Glas mit einem außergewöhnlich hohen Brechungsindex. Es ermöglichte ihm, extreme Lichtstärke mit einer besser für die Serienfertigung geeigneten Konstruktion zu verbinden.
Eine späte Version von Mandlers Noctilux f/1 neben dem Noctilux-M 50 f/0,95 ASPH. in Titan-Ausführung.
Das Noctilux mit Lichtstärke 1:1 wurde zu einer der bekanntesten Entwicklungen Mandlers und blieb mehr als drei Jahrzehnte in Produktion. Seine anhaltende Beliebtheit beruhte sowohl auf seinen Möglichkeiten bei schwachem Licht als auch auf seinem charakteristischen Abbildungsverhalten.
Der nächste große Entwicklungsschritt folgte 2008 mit dem Noctilux-M 1:0,95/50 mm ASPH., dem bislang lichtstärksten Leica M-Serienobjektiv. Seine optische Konstruktion bestand aus acht Linsen in fünf Gruppen und vereinte asphärische Flächen mit speziellen optischen Gläsern. Das hinterste Linsenelement bewegte sich beim Fokussieren als sogenanntes Floating Element unabhängig vom übrigen System und trug dazu bei, die Abbildungsleistung auch im Nahbereich zu erhalten.
Die Leistung bestand darin, diese extreme Lichtstärke mit einer hohen optischen Korrektur zu verbinden. Damit führte das Objektiv einen zentralen Noctilux-Grundsatz fort: Die Anfangsöffnung ist eine Arbeitsblende. Fotografen konnten die volle Öffnung gezielt nutzen und je nach gewünschter Schärfentiefe und Bildwirkung entscheiden, wann sie abblenden wollten.
Neue Brennweiten und die Rückkehr eines Klassikers
Das 2017 vorgestellte und ab Anfang 2018 erhältliche Noctilux-M 1:1,25/75 mm ASPH. erweiterte die Familie erstmals über die traditionelle Brennweite von 50 mm hinaus. Besonders für die Porträtfotografie geeignet, verband es eine längere Brennweite mit außergewöhnlich geringer Schärfentiefe. Dadurch ließen sich Motive präzise freistellen und mit weichen Übergängen vom Hintergrund lösen. Ein Floating Element unterstützte eine gleichbleibend hohe Abbildungsleistung über den gesamten Entfernungsbereich.
Noctilux-M 75 f/1,25 und das Noctilux-M 35 f/1,2 ASPH.
2021 kehrte Leica mit dem Noctilux-M 1:1,2/50 mm ASPH. zu den Anfängen zurück. Seine optische Konstruktion orientierte sich eng am Original von 1966 und bewahrte dessen weichere, beinahe traumartige Bildwirkung bei offener Blende. Abgeblendet lieferte es schärfere und detailreichere Aufnahmen. So wurde die Neuauflage gleichermaßen zu einer Hommage an die Leica Geschichte und zu einem vielseitigen kreativen Werkzeug für die heutige Fotografie.
Das Jahr des 60. Jubiläums bringt einen weiteren Meilenstein: Das im Januar 2026 vorgestellte Noctilux-M 1:1,2/35 mm ASPH. ist das erste Noctilux mit einer Brennweite von 35 mm. Seine kompakte Konstruktion, drei asphärische Linsen und eine Naheinstellgrenze von 0,5 Metern erweitern die Möglichkeiten der Objektivfamilie in der Reportagefotografie, bei Porträts unter Einbeziehung der Umgebung und beim Fotografieren mit vorhandenem Licht. Sechs Jahrzehnte nach dem ersten Modell entwickelt sich das Noctilux weiter.
Begehrte Prototypen bei Leitz Photographica Auction
Noctilux Objektive faszinieren seit Langem nicht nur Fotografen, sondern auch Sammler. Das zeigen regelmäßig die Ergebnisse von Leitz Photographica Auction. Prototypen gewähren dabei einen besonders aufschlussreichen Einblick in die Entwicklungsarbeit hinter diesen außergewöhnlichen Optiken.
Prototyp des Noctilux 50 f/1.2 in Silber-Chrom-Ausführung
OEin bemerkenswertes Beispiel war der verchromte Noctilux 1,2/50 mm B702 Prototyp von 1964, der eine frühe Entwicklungsstufe des späteren Serienobjektivs dokumentiert. Seine dezente Gravur am Frontring enthielt noch nicht den Namen Noctilux. Ein kleines Stück Millimeterpapier über der Schärfentiefenskala diente dazu, Testergebnisse im Werk festzuhalten. Bei der 41. Leitz Photographica Auction im Jahr 2022 wurde das Objektiv für 360.000 Euro inklusive Aufgeld versteigert.
Ein weiteres Highlight war der seltene, um 2017 entstandene Noctilux-M 1,25/75 mm ASPH. Prototyp. Das Exemplar mit der Sondernummer P04/25 und ungewöhnlichen roten Gravuren am Frontring erzielte bei der 45. Leitz Photographica Auction im Jahr 2024 einen Preis von 28.800 Euro inklusive Aufgeld. Gemeinsam verdeutlichen diese Objektive das Sammlerinteresse an den frühen Versuchen ebenso wie an den jüngeren Entwicklungen der Noctilux-Geschichte.
60 Jahre Noctilux erleben
Anlässlich des Jubiläums steht die Geschichte des Noctilux auch am Wochenende der 49. Leitz Photographica Auction am 28. November 2026 in der Leica Welt in Wetzlar im Mittelpunkt.
Am Auktionswochenende feiert die Leica Welt die Eröffnung der Ausstellung 60 Jahre Noctilux. Sie lädt dazu ein, sechs Jahrzehnte optischer Innovation zu erkunden und die Geschichte einer der markantesten Objektivfamilien von Leica kennenzulernen.